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AUFHEBUNG


Aufhebung der Alpen


Komposition für 2 Geigen, 2 Kontrabässe, Hackbrett und Schlagzeug

Solobild


Das Eis unserer Gletscher schmilzt. Und mit ihm verlieren die Alpen ihre Aura des Ewigen und Unverwüstlichen. Die einst unverrückbare Alpenkulisse gerät ins Wanken,
und mancher Blick wendet sich ab von den Bergregionen als Inbegriff von Heimat und Geborgenheit und nimmt eine globale Perspektive ein, auf der Suche nach neuen Konzepten für Sicherheit und Bestand.
Kulturell macht sich das in der Schweiz deutlich in einer Spaltung bemerkbar. Auf der einen Seite gibt es Gruppierungen, die vehement festhalten am Heimatbegriff und damit verbundene Bräuche hochhalten.
Auf der anderen Seite entwickelt sich eine globale Sichtweise zum neuen Imperativ, die alten Traditionen und ihren patriarchalischen, kolonialistischen Bezügen kritisch gegenübersteht.

Im Spannungsfeld dieser Positionen steht die aktuelle Komposition von Matthias Lincke «Aufhebung der Alpen». Im der Dialektik Hegels entlehnten Begriff der «Aufhebung» kommt die Ambivalenz der Situation zum Ausdruck.
Einerseits können wir «Aufhebung» als Auflösung alter, überholter Formen verstehen, andererseits im Sinne eines Aufbewahrens von zukunftsträchtigen Elementen der Überlieferung, ja eines «Hochhaltens» derselben.
Die Komposition lässt die Kultur der Alpen «hochleben» und nimmt sie gleichzeitig neu wahr in ihrer Brüchigkeit, Vergänglichkeit, ja Fremdheit.
Mit einer neuen Sensibilität wenden sich die involvierten Musiker:innen der Überlieferung zu und treten mit ihr in Beziehung. Dies aber nicht aus einem idealisierenden Impuls heraus,
sondern als respektvolle Neuentdecker eines weitgehend unentdeckten Terrains.

Instrumentale Grundlage für die Komposition ist die traditionelle «Altfrentsche Besetzung» der Appenzeller Streichmusik, bestehend aus Geige, Kontrabass und Hackbrett.
Diese spiegelt, verdoppelt, ja "hebt sich auf" in einer zweiten Trioformation, bestehend aus Geige, Kontrabass und Schlagzeug.
Auf der neuen, konzeptuellen Ebene der Komposition werden die typischen Volksmusikinstrumente zu Agenten eines Spiels mit traditionellen Motiven,
welche in neue Kontexte gestellt werden und eingehen in eine Klangwelt, die zwischen Tonalität, dem Atonalen und Geräuschhaften oszilliert.
Gleich Findlingen lagern Fragmente alter Weisen aus der Kultur der Älpler, aus Naturjuuz und Streichmusik, in einer Klanglandschaft,
die von sanft ansteigenden Matten bis zu schroffen Abhängen führt und von Serpentinen durchzogen ist.
Alte Tänze und deren ritualisierte Abläufe werden zum Untertext einer eigenen Klangwelt, einer brodelnden «Ursuppe», aus der sie sich in ungewohnter Perspektive neu erheben.
So entsteht Musik, die von der Vision lebt, in einer doppelten «Aufhebung» überflüssig Gewordenes hinter sich zu lassen, aber dafür wesentliche Elemente der Tradition weiterzutragen.






Erstaufführung
24.03.2024
Transalpin, Kanzlei
Zürich, ZH


Matthias Lincke (Geige)
Elias Menzi (Appenzeller Hackbrett)
Hiasl (Kontrabass)

Andrea Kirchhofer (Geige)
Sheldon Suter (Schlagzeug)
Fridolin Blumer (Kontrabass)